Lesenswerte Artikel

Verzahnung von Hochschule und pädagogischer Praxis

Netzbasierte Open-End-Projekte und ihr Beitrag zur Modernisierung des Bildungswesens

Friedrich Schönweiss und Jörg Asshoff

1) Mit Hilfe moderner Techniken: Auf dem Weg zu einer neuen Lehr- und Lernkultur?
2) digite.net - Eine Adresse für alle an Bildung Interessierten
3) Förderdiagnostik Deutsch - "Aus Fehlern lernen..."
4) Computerwissen für die Grundschule
5) Digite.net - Netzwerk für Bildung

1) Mit Hilfe moderner Techniken: Auf dem Weg zu einer neuen Lehr- und Lernkultur?

"Habt ihr Leute eigentlich eine klare Vorstellung davon, was es heißt, von nur einem Dollar am Tag zu leben? Es gibt nicht mal Elektrizität in den meisten Häusern der Dritten Welt. Gar keine."
"Braucht ihr etwa eure Computer, um euch das vorzustellen zu können?"

Dieses Zitat stammt nicht von Weltbank-Gegnern, die sich als Kritiker der Globalisierung zu Wort melden möchten. Es ist Bill Gates höchstpersönlich, der vor kurzem so prononciert Stellung nahm zur Frage der globalen Vernetzung und der für ihn sonst doch so heiligen Pflicht, sie um jeden Preis zu versilbern.

Eigentlich wollten ja seine entgeisterten Zuhörer etwas über die vielfältigen Chancen erfahren, " Digital Dividends" zu kreieren. Doch der Einbruch am Neuen Markt scheint auch bei dem Herrn der digitalen Dinge etwas fundamentalere Dimensionen angenommen zu haben. Ausgerechnet ein Bill Gates, der sich doch sonst darin sonnt (oder gesonnt hat?), dass sich die Welt um den Computer und damit um ihn drehen muss, macht auf einmal geltend, dass das Glück der Menschheit eben nicht von " Where-do-you-want-to-go-today?" -Lösungen abhängt?!

Ob wir hier nun die Zeitzeugen eines modernen, per Web-Cam übermittelten Saulus-Paulus-Ereignisses sein durften, sei einmal dahingestellt. Gleichwohl ist es nicht uninteressant und durchaus auch ein Stück weit amüsant, wenn mit Bill Gates ausgerechnet die Berufungsinstanz wegbricht, die uns allen eigentlich auch zeigen sollte und wollte, wohin die Reise in Sachen Bildung gehen müsse. Sie alle erinnern sich bestimmt noch daran, wie vor gar nicht allzu langer Zeit von Schröder bis Sabine Christiansen Gates als erste und letzte Instanz auch in Sachen Modernisierung des Bildungswesens herumgereicht, wenn nicht gar regelrecht hofiert wurde.

Sollte plötzlich das gemeinsame Credo nicht mehr gelten, wonach von PC und Internet die Lösung der Menschheitsprobleme abhingen?

Leider aber hat man auch bei uns viel zu lange und viel zu sehr das Hauptaugenmerk auf die technische Seite gelegt. Dank Computer und Internet, so wurde nicht zuletzt unter Berufung auf Bill Gates postuliert, würden sich neue virtuelle Lernwelten eröffnen, die Lernen und Lehren fast automatisch zum Kinderspiel werden ließen.

Solches Setzen primär auf die Technik hatte durchaus handfeste Konsequenzen, da sehr viel Kraft, Engagement und Ressourcen schlicht vergeudet wurden. Wie wir etwa im Rahmen unserer zahlreichen Kooperationen mit Schulen und Kommunen immer wieder feststellen müssen, schlummern nicht wenige Computerräume in einer Art Dornröschenschlaf vor sich hin - weil man vor lauter Konzentration auf die Technik vergessen hat, welche inhaltlichen Probleme es in Sachen Bildung eigentlich zu lösen gilt. (Die Sprachlabors lassen hier nachdrücklich grüßen!)

Und weil vergessen wurde, dass doch, gerade in Sachen Bildung, bei allem technischen Fortschritt die Menschen im Mittelpunkt zu stehen haben. Dass also die Lehrer, die mit den modernen Gerätschaften arbeiten sollen, so an die neuen Medien herangeführt werden müssen, dass sie mit ihnen ihren eigenen Unterricht für sich wie die Kinder neu und vor allem befriedigender und auch spannender gestalten können: weil sie sich gemeinsam mit den Kindern einer neuen Lern- und Unterrichtskultur annähern. Dies freilich ist eine Frage, die sich an der inhaltlichen Nutzung der vielfältigen Optionen der neuen Medien entscheidet und nur in zweiter Linie daran, ob nun bald jeder Schüler-Arbeitsplatz auch wirklich vernetzt ist oder wie viele Milliarden Websites angeklickt werden könnten – selbst wenn noch so viele davon mit Bildung zu tun haben (möchten).

Eine technikzentrierte Fortbildung – und das ist die Crux zahlreicher aktueller Qualifizierungsoffensiven – lässt den Lehrer, der in aller Regel noch Computer-Novize ist, bei der entscheidenden Schwierigkeit alleine: nämlich der Integration der neuen Medien in den Fachunterricht! Kein Wunder also, wenn sich bei vielen Lehrern hartnäckig der Irrtum hält, dass die neuen Medien ihr Leben noch schwerer machen würden, als es ohnehin sei.

Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund einer berechtigten Kritik an den Ergebnissen der institutionalisierten Bildung erwächst den Hochschulen hier eine neue, wichtige Aufgabe. Diese besteht durchaus auch im Hinterfragen der verbreiteten Technik-Euphorie. Dies aber nicht, um wieder einmal dem Vorurteil Recht zu geben, dass Deutschland doch die Heimat der Miesmacher und Pessimisten ist, im Gegenteil: es geht darum, sich nicht den Blick darauf verstellen zu lassen, was ansteht und was - im Hinblick auf den modernen Bildungs- und Qualifikationsbedarf - eigentlich nötig und mithilfe des Ausreizens der neuen Medien auch möglich geworden ist. Und es geht darum, sich zu überlegen, wie man Kindern dabei behilflich sein kann, ihre eigene Bildung endlich in die eigene Hand zu nehmen.

Die verbreitete Renaissance, die ein emphatischer Bildungsbegriff heute erfährt, hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass die Kinder formell wie auch inhaltlich zum Subjekt ihrer eigenen Bildung werden müssen; die individuelle Lebensbewältigung, die heute von den Kindern wie von uns Größeren gefordert ist und die unscharf mit Begriffen wie " Individualisierung" aber auch " PatchworkIdentität" , mit Sozialkompetenz oder Schlüsselqualifikation beschrieben wird, verlangt auf allen Ebenen von Bildung einen solchen Perpektivenwechsel, der nun endlich auch praktisch werden muss.

Damit erhalten nicht zuletzt auch die Universitäten eine neue, wichtige Aufgabe: im Austausch mit der pädagogischen Praxis selbst Konzepte und tragfähige Angebote zu entwickeln.

Von den digitalen Techniken hängt dabei durchaus sehr viel ab, aber auch nicht alles. Und zu meinen, in Form von Computer oder Internet könne sich das leidige Motivationsproblem ultimativ in Luft auflösen, bleibt bestenfalls ein frommer Wunsch.

Die Computerbegeisterung der " Kids" in allen Ehren; auch mag es ja ein honoriges Anliegen sein, die Kinder und Jugendlichen dort abzuholen, wo sie sind. Wie überhaupt es nur zu begrüßen ist, wenn mit der Integration der neuen Medien frischer Wind in die Schulen und Jugendarbeit kommt.

Nur: das Setzen auf die Faszination der digitalen Medien droht dann zum richtigen Eigentor zu werden, wenn lediglich die Verpackung etwas bunter und " webbiger" bzw. " nettiger" gestaltet wird. Oder wenn man die Technik für sich als das alles Entscheidende ansieht, weshalb dann die damit transportierte inhaltliche Substanz ruhig vernachlässigt werden kann: wie es in einem neuen Unwort zum Ausdruck kommt: content, content!

Dass solches Pochen auf Berücksichtigung der qualitativen Seite des Fortschritts - sich nämlich zu fragen, wohin soll eigentlich die Bildungs-Reise gehen? - dass diese Reflexion Sinn macht und eigentlich notwendig ist, unterstreichen nicht zuletzt auch die Greencard-Aktivitäten: wir haben in Deutschland ein ganzes Stück Zukunft einfach verschlafen! Ironischerweise wurde ausgerechnet beim modernen Goldenen Kalb, dem Computer, schlicht " vergessen" , dass dessen Siegeszug auch inhaltlich, auf der Bildungsebene unterfüttert werden muss. So sah und sieht sich ausgerechnet Deutschland, das ja auf seinen " Rohstoff Bildung" so stolz ist, darauf angewiesen, im Ausland auf Betteltour gehen zu müssen, um den notwendigen Bedarf an Fachkräften zu befriedigen. Und auch der Ausbau der Informatikstudiengänge ist nur die halbe Antwort auf die geänderten Zeiten.

Auf welche Weise wir (Medien-) Pädagogen die Möglichkeiten der digitalen Techniken, insbesondere des Netzes nutzen wollen, um an der einen oder anderen Stelle ein Stück weit mit dazu beizutragen, dem aktuellen Bedarf ebenso wie den individuellen (Fort-) Bildungs-bedürfnissen gerecht zu werden sei im folgenden an einigen Beispielen dargestellt.

2) digite.net - Eine Adresse für alle an Bildung Interessierten