Ende dieses Jahres sollen alle 44.000 deutschen Schulen mit Computern ausgestattet sein und am Internet hängen. Hat damit nun endlich ein neues Bildungszeitalter begonnen, in dem die Schüler "
eigenständig lernen, sich ihr Wissen selbst organisieren und aus der Fülle der Informationen auswählen"
, wie etwa die Frankfurter Schuldezernentin Jutta Ebeling jüngst hoffnungsfroh verkündete? Oder versucht man, die eigene Unsicherheit über die Zukunft von Schule und Bildung bei einem "
hippen"
deus ex machina los zu werden? Droht also die Technik zum Selbstzweck zu werden und den eigentlichen Unterricht zu ersticken? Wird gar der letzte Rest an Bildung wie der Freude am Lernen der Bastelei mit Maus und Tastatur geopfert, nur weil der Zeitgeist digital daher kommt?
Vor einiger Zeit bin ich auf das Buch eines amerikanischen Kollegen aufmerksam gemacht worden. Don Tapscott, der sich gerne als "
Cyberguru"
bezeichnen lässt, habe in seiner Streitschrift Net Kids eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation vorgelegt, die allen besorgten Eltern ins Stammbuch geschrieben gehöre. Die Computer- und Internetbegeisterung der heutigen Kinder sei nämlich kein Anlass zur Sorge. Im Gegenteil: "
Zum ersten Mal in der Geschichte sind Kinder und Jugendliche gebildeter als ihre Eltern. Sie sind es dort, wo die Zukunft liegt: im Netz."
Nun kann man die Affinität und Offenheit der Kinder gegenüber den neuen Medien durchaus auch anders betrachten als immer nur durch die Brille eines misanthropen Medienkritikers, den die Sorge umtreibt, die Kinder würden uns entgleiten. Auch halte ich es nicht gerade für eine intellektuelle Meisterleistung, alles und jedes, was uns bei Kindern und Jugendlichen aufstößt, immer den Medien Fernsehen oder Computerspielen, ihrer bevorzugten Musik oder dem Internet anzulasten. Aber muss man deshalb wirklich gleich ins andere Extrem umschwenken und den neuen Medien die Rettung des Abendlandes anvertrauen?
Tapscotts Rat an Eltern, Lehrer und Medienpädagogen lautet jedenfalls: "
Entspannen Sie sich doch bitte! Unseren Kindern geht es gut. Sie lernen, entwickeln sich und gedeihen in der digitalen Welt. Was sie brauchen, sind geeignetere Werkzeuge, einen besseren Zugang, umfassendere Dienstleistungen, mehr Möglichkeiten, auf Entdeckungsreisen zu gehen und keine neuen Behinderungen."

Modernisierung von Bildung heißt für Tapscott also vor allem eines: sich bei dem, was die Kinder treiben, um keinen Preis einzumischen; denn dank der neuen Technik hätten diese sich längst schon auf den richtigen Bildungsweg gemacht. Und worin besteht dieser seiner Auffassung nach? Hierzu bemüht er den Vergleich mit einem etwas älteren Medium; dann werde diese Zäsur augenfällig: "
Den mediengewandten Kindern unserer Tage erscheinen die Möglichkeiten, die das Fernsehen bietet, altmodisch und unbeholfen. Fernsehen funktioniert nur in eine Richtung. … Und genau dieser Wandel von einseitiger Berieselung hin zum interaktiven Medium ist das entscheidende Kriterium für die Netzgeneration. Die Jugendlichen wollen Nutzer anstatt nur Zuschauer oder Zuhörer sein."
Doch so sympathisch es auf den ersten Blick auch sein mag, wenn Kinder nicht mehr dem antiquierten pädagogischen Zerrbild zu entsprechen scheinen - als vermeintlich passive und der Fülle an medialen Reizen hilflos ausgelieferte Wesen -, so wenig vermag bei näherem Betrachten die Bestandsaufnahme von fortschrittseuphorischen Zeitgenossen zu überzeugen. Aktiv zu sein oder mit anderen zu interagieren ist doch kein Selbstzweck. Es kommt durchaus noch darauf an, was Thema, Gegenstand und Ziel dieser Interaktion ist.
Ich will freilich nicht verhehlen, dass Tapscotts Digitalenthusiasmus durchaus auch hierzulande seine Entsprechung findet, nämlich in einem Idealismus, der vernetzte Klassenzimmer, E-Learning oder virtuelle Lernumgebungen zu den entscheidenden Garanten eines modernen Bildungswesens erklärt.
Ein Stück weit nachvollziehbar mögen solche Erwartungen ja sein, knüpfen sie doch fast bruchlos am "
hippokratischen Eid für Pädagogen"
an: kaum ein angehender Lehrer wird in eine deutsche Schule entlassen, ohne dass ihm die methodische Seite seines Berufs als Dreh- und Angelpunkt seines künftigen Tuns nahegelegt worden wäre. Als besseres schlechtes Gewissen begleitet ihn dieser Anspruch auch und gerade dann, wenn für ihn im konkreten Schulalltag Handlungsorientierung, innere Differenzierung, Projektmethode etc. immer mehr zu Fremdwörtern werden (müssen). Wenn das Ausbrennen von Lehrern partout nicht abnehmen will, mag dies auch damit zusammenhängen.
So hartnäckig hatte sich in der deutschen Bildungslandschaft die Hoffnung eingenistet, dass sich die (inhaltlichen!) Dysfunktionalitäten unseres Schulsystems wie die zur fast selbstverständlichen Begleiterscheinung gewordenen Motivations- und Lernprobleme insbesondere über neue Formen des Unterrichts aushebeln lassen müssten, dass mit Stichworten wie "
Handlungsorientierung"
, "selbstentdeckendes Lernen" oder "Eigenaktivität" das Setzen auf die "richtige Methode" als Rettungsanker auf breiter Ebene sogar Eingang in die Lehrpläne fand.

Sicher: Es muss ein Ziel von Bildung sein, dass jeder schrittweise in die Lage versetzt wird, seine eigene Bildungsbiografie selbst in die Hand zu nehmen. Nur: Das Ziel ist nicht unbedingt gleich auch der Weg. Die so vehement angestrebte Selbständigkeit und Kreativität droht ausgerechnet dann zu verkümmern, wenn nicht die Verknüpfung dieses hehren Ziels mit den Inhalten von Bildung und ihrer Vermittlung gelingt. Alles Engagement von Lehrern, Eltern und Sponsoren droht daher schlicht zu verpuffen, wenn die anstehende Modernisierung unseres Bildungswesens nicht mit einer grundsätzlichen inhaltlichen Zäsur einhergeht und umfassend eine neue Lern- und Unterrichtskultur angestrebt wird.
Bei allem Eifer, die neuen Medien in die Schulen zu holen, sind inhaltliche Reform-Konzepte, die diese Bezeichnung wirklich verdienen, nach wie vor Mangelware. Manchmal drängt sich sogar eher der Eindruck auf, dass die qualitative Seite Rätsel-Onkeln wie Günter Jauch überlassen bleiben kann, den Schulen dagegen nur eines fehle: der Zugang zum Netz.
Trotzdem zu meinen, die ultimative Bildungsrevolution stünde heute vor der Schultür und alle pädagogischen Ideale seien endlich zum Greifen nahe, gründet auf der Hoffnung auf einen Selbstläufer nach dem Motto: Man muss den Schulen, Schülern und Lehrern vor allem erst einmal die Medien zur Verfügung stellen, der Rest sei dann mehr oder weniger ein Automatismus. Schließlich könne sich dann jeder mit Hilfe dieser Medien selbst optimal bilden und weiterbilden.
Dieser Idealismus - in Verbindung mit dem Glauben, ein PC, der ins Klassenzimmer gestellt wird, erlebe eine wundersame pädagogische Wesensverwandlung dürfte zu einem guten Stück erklären, weshalb bei "Schulen ans Netz" und ähnlichen in den vergangenen Jahren gestarteten Initiativen nur zu oft die Technik und ihre Beherrschung im Vordergrund standen. Er dürfte erklären, warum man zum Teil noch immer der Auffassung ist, es ginge vor allem darum, die Geräte in die Schule zu bringen wie seinerzeit die schon fast vergessenen Sprachlabors. Und er dürfte erklären, weshalb so gerne anstelle inhaltlicher Konzepte immer wieder vermeintlich beispielhafte Multimediaschulen in der Nation herumgereicht werden, maßgeblich auf das (Markt-) Interesse von Schulbuchverlagen gesetzt wird oder man vermeintlich ganz raffiniert die eigene Zuständigkeit für die inhaltliche wie materielle Neugestaltung der Schulen gleich dem Engagement von Computerfirmen überlässt.
Nicht zuletzt dürfte diese Hoffnung auf einen Automatismus der Technik auch den Umstand erklären, dass wie wir bei unseren Lehrerfortbildungen immer wieder feststellen vielerorts die üppigen neuen Gerätschaften ungenutzt vor sich hinschlummern oder aber sich die Lehrer, mangels umfassender Nutzungskonzepte, reichlich chaotisch um den Zugriff auf die Geräte balgen müssen.
Letzten Endes wird so die gesamte Verantwortung auf den einzelnen Lehrer abgewälzt, der sich nicht selten in ein eigentümliches Konkurrenzverhältnis zur Maschine gebracht fühlt und, nicht ganz zu Unrecht, seine fachliche Kompetenz ganz prinzipiell durch sie bestritten sieht.
Leider ist es keine Binsenweisheit, dass sich die Modernisierung von Schule das Prädikat "schlau" nicht allein dadurch verdient, dass Geräte und Software angeschafft und die Schulen miteinander vernetzt werden. Dass man im Unterricht Briefe nach Amerika durchs Internet jagen kann, dass Schüler in den verschiedensten Datenbanken herumstöbern dürfen oder gar ihre Schülerzeitung oder Referate im Word Wide Web publizieren können, mag ja eine nette Abwechslung von der üblichen Routine sein. Aber von einer wirklichen Zäsur kann deshalb noch lange nicht gesprochen werden. Es bleibt ein Rätsel, weshalb bei einem neuen Rechengerät wie dem Computer außer Kraft gesetzt sein soll, was für jedes Instrument gilt: dass ein Hilfsmittel eben immer nur so gut oder schlecht sein kann wie das, was man mit ihm anstellt.
Natürlich ist es keine Frage, dass ein gutes Computerprogramm in der Lage ist, große Mengen an Stoff auf eine anschauliche, kurzweilige und zum Teil sogar faszinierende Weise zu vermitteln. Gute Lernprogramme auf CD-Rom liegen vor. Und die weltweite Vernetzung mit allen möglichen Datenbanken sorgt dafür, dass die letzte Schranke für Information durchbrochen wird. Nur wird eine Frage leider zu selten gestellt: ob damit, dass man den Globus in lauter ständig verfügbare Fakten und Informationen zerlegt hat, wirklich etwas für die Bildung der Kinder gewonnen ist. Besteht Bildung aus einer Ansammlung von gleichrangigen, gleichgültigen und zusammenhanglosen Informationsbrocken, die man nur jagen, sammeln und ansprechend präsentieren müsse? Keineswegs.

Ohnehin ist die ständig auf den Menschen einströmende Datenfülle Hartmut von Hentig sprach von der "
Wissenssintflut"
längst übermächtig geworden. In diesem Informationswirrwarr nicht jegliche Orientierung zu verlieren, setzt doch Bildung bereits voraus. Aufgabe der Schule wäre es also, Heranwachsende überhaupt erst in die Lage zu versetzen, Informationen zu ordnen und einzuordnen, sich Grundlagenwissen zu erarbeiten, Sachverhalte gemeinsam zu analysieren und zu bewerten. Nur wer die Reizflut strukturieren und mit seinem eigenen (Bildungs-) Interesse verknüpfen kann, entgeht übrigens auch als Erwachsener der Gefahr, sich an Information buchstäblich zu verlieren.
Wer einmal nachts die Schlaflosigkeit mit Hilfe der Fernbedienung zu vertreiben versuchte, wird wissen, was beim Zappen durch 30 Kanäle letztlich hängen bleibt auch wenn die bloße Fülle an Reizen durchaus Bildung, Spannung oder Unterhaltung zu suggerieren vermag. Wenn sich diese Haltung aber ausweitet und das wirkliche Leben oder eben auch die Schule erfasst, ist sie längst zu sehr viel mehr als nur einer harmlosen Zeitverschwendung geworden. Der "
absurde Rausch des Dabeiseins"
, wie man in Anlehnung an Baudrillard das Mitschwimmen in der "
Hyperrealität"
der Medien beschreiben könnte, dieses tumbe Treiben muss umso fatalere Folgen zeitigen, je mehr es den letzten Rest von Bildung in Beschlag zu nehmen droht.
Als ob wir uns in der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht ohnehin schon mit dem Handicap ihres assoziativen Denkens herumschlagen; als ob nicht die Schwierigkeit jener Kinder, die uns oder dem schulpsychologischen Dienst als "
lernschwach"
vorgestellt werden, oft genug darin besteht, sich mit Muße und Ernsthaftigkeit auf bestimmte Themen einzulassen ausgerechnet diese Auflösung des Denkens soll der moderne Schlüssel zum Bildungserfolg sein? Und es bleibt die Frage, wo denn jene erhofften Übergänge vom ziellosen Herumsurfen zu Bildung und Wissen anzusiedeln wären. Eher ist es doch umgekehrt: Bestandteil einer modernen Allgemeinbildung ist es, mit den vielen Informationsangeboten sinnvoll umgehen und sie zu den eigenen Anliegen in einen konstruktiven Bezug bringen zu können. Dann ließe sich in der Tat die weite Welt von Daten und Informationen für die eigene Bildung instrumentalisieren, wenn und das ist der Widerspruch, mit dem wir uns heute herumschlagen müssen wenn die Kinder an ihrer Bildung wirklich (wieder) Interesse gefasst haben.

Diesen Widerspruch gilt es heute konstruktiv aufzulösen. Das Hinterfragen all der Technik-Euphorie ist also alles andere als akademischer Selbstzweck; es soll auch nicht dazu dienen, dem Vorurteil wieder einmal Recht zu geben, dass Deutschland doch die Heimat der Miesmacher und Pessimisten ist. Im Gegenteil: es geht darum, sich nicht den Blick darauf verstellen zu lassen, was ansteht und was im Hinblick auf den modernen Bildungs- und Qualifikationsbedarf eigentlich nötig und mit Hilfe des Ausreizens der neuen Medien auch möglich geworden ist. Das ist zur vornehmen Aufgabe der Hochschulen geworden, denen diese sich, endlich, immer mehr zu stellen beginnen. Und es geht darum, sich zu überlegen, wie man im konstruktiven Verbund von Hochschulen und Schulen, zusammen mit Eltern und Lehrern, mit Jugend- und Medienzentren Kindern dabei behilflich sein kann, ihre eigene Bildung endlich in die eigene Hand zu nehmen, die Welt ein bisschen durchschaubarer und für sich wie andere durchaus ein ganzes Stück weit "
humaner"
zu machen.
Die verbreitete Renaissance, die ein emphatischer, humanistisch ausgerichteter Bildungsbegriff heute erfährt, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Kinder nicht nur formell, sondern auch inhaltlich zum Subjekt ihrer eigenen Bildung werden müssen; die individuelle Lebensbewältigung, die heute von ihnen wie von uns Größeren gefordert ist und die unscharf mit Begriffen wie "
Individualisierung"
aber auch "
Patchwork-Identität"
, mit Sozialkompetenz oder Schlüsselqualifikation beschrieben wird, verlangt auf allen Ebenen von Bildung einen solchen Perpektivenwechsel, der nun endlich auch praktisch werden muss.
Dass solches Pochen auf Berücksichtigung der qalitativen Seite des Fortschritts Sinn macht, unterstreichen nicht zuletzt auch die Greencard-Aktivitäten: trotz (oder besser wegen!) aller Begeisterung für moderne Technologien haben wir in Deutschland schlicht ein ganzes Stück Zukunft einfach verschlafen!
Es ist kein Wunder wenn vor diesem Hintergrund plötzlich von allen Seiten die Qualität schulischer Bemühungen ins Blickfeld rückt obwohl, absolut gesehen, die Leistungen von Absolventen mit Sicherheit nicht niedriger liegen dürften als früher. Offensichtlich hat sich was immer sich im einzelnen hinter dem vielbeschworenen Übergang zur "
Wissens- und Informationsgesellschaft"
verbergen mag der Anspruch an den, der als "
gebildete Person"
gilt, sukzessive verschoben. Im Grunde ist also auch nicht das bescheidene Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich das Entscheidende; vielmehr ziehen Vergleichsstudien die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, weil es eine neue Sensibilität für die Dysfunktionalitäten unseres Bildungswesens gibt.
Die Diskussion darüber, was konkret zu tun sei, ist freilich noch nicht entscheidend über das Stadium einer diffusen Bestandsaufnahme, über die Artikulation eines allgemeinen Unbehagens hinausgekommen. Da wird zum einen hartnäckig der Wunsch wiederholt, der moderne Mensch möge doch zu den veränderten Gegebenheiten passen (ohne dass diese freilich so recht präzisiert werden könnten: "
Wissen wird der wichtigste Produktionsfaktor"
heißt es da, oder: "
Wissensmanagement und Humankapital spielen in der Wirtschaft eine wachsende Rolle"
). Und da wird zum anderen in hellen Farben die technisch mögliche Zukunft des Lernens ausgemalt. Nicht zuletzt aber wird dem Individuum der Goldene Schlüssel (oder besser: der Schwarze Peter) zugeschoben: jeder einzelne ist ganz allein dafür verantwortlich, dass seine Bildung gelingt! Er soll "
lebenslang lernen"
und sich nicht beschweren, wenn er sich dann doch allein gelassen fühlt. Mit seinem Computer habe er ja alles, was er zu seinem Bildungsglück braucht. Denn das sei des Pudels Kern: "
Unter Schlüsselqualifizierung zur Medienkompetenz (sollte) ein Bildungskonzept zur Stärkung der Selbstorganisations- und Selbsttätigkeitsfähigkeit der Individuen verstanden werden, dem ein neues verändertes didaktisches Verständnis zugrunde liegt"
.

Mit alledem ist noch nicht viel für die fällige Modernisierung des Bildungswesens gewonnen. Der souveräne Umgang mit Wissen ist eben kein technisch-organisatorisches Problem, und mit noch so viel Technik lässt sich kein Automatismus in die Welt setzen, der Information in Wissen und Wissen in Bildung verwandelt. Auch dann, wenn in naher Zukunft alle Schulen ans Netz gebracht sein werden, entscheidet sich der Nutzen dieses Kraftakts daran, ob und vor allem: wie er mit Inhalten verknüpft werden kann. Mit neuen Formen des Präsentierens von Bildungsinhalten und der formellen Seite von Eigentätigkeit dem Sammeln oder Selegieren von Information ist es nicht getan. Mit totem Wissen, das die Kinder nicht wirklich erreicht und weder ihre Souveränität befördert noch ihre allgemeine Handlungs- und Problemlösefähigkeit erweitert, ist keinem gedient.
Lehrer sollten deshalb darauf bestehen, sich weder ihren pädagogischen Impetus noch ihre Fachkompetenz oder gar ihr Gespür für die unterschiedlichen Lernbedürfnisse der Kinder streitig machen zu lassen. Dann freilich dürften sie in den digitalen Techniken ein mächtiges Werkzeug entdecken lernen, das ihnen womöglich sogar dabei behilflich sein könnte, sich an den einen oder anderen vergessen geglaubten Grund ihrer Berufswahl wieder neu zu erinnern. Und sie könnten, anders als Clifford Stoll, der in seiner Polemik gegen die PC-Euphorie (mit sympathischem Augenzwinkern, natürlich) nur die Zustände "
Ein"
oder "
Aus"
, Schwarz oder Weiß zu kennen vorgibt, versuchen, sich zusammen mit Kindern und Computern einer neuen Lern- und Unterrichtskultur anzunähern.
Prof. Dr. Friedrich Schönweiss ist Leiter der Abteilung "
Neue Technologien im Bildungs- und Sozialwesen/Medienpädagogik"
an der Universität Münster.
Im Rahmen der Vernetzung von Hochschule, Studienseminaren, Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen werden von ihm und seinem Team (digite.net) Nutzungskonzepte für Schulen und Jugendeinrichtungen entwickelt, Lehrer- und Elternfortbildungen durchgeführt, sowie netzbasierte "
Open End"
-Bildungsangebote erarbeitet und redaktionell betreut.
Aktuelle Projekte, in die sich interessierte Lehrerinnen und Lehrer, Fachdidaktiker, Sozialpädagogen und Lernpsychologen (aber auch Sponsoren) einklinken können, sind u.a.:
- Förderdiagnostik und Lernserver,
- Virtuelles Jugendzentrum (vj-club.net),
- Computerwissen für die Grundschule,
- Entdeckungsreise-Umwelt.de,
- Virtueller Medienratgeber.
Aktuelle Publikationen:
- Bildung als Bedrohung? Der holprige Weg zu einem neuen Bildungsideal, Münster 2000
- Bildung in Zeiten des Internet. Über aktuelle Mythen, Hoffnungen und Perspektiven, Münster 2000
Prof Schönweiss ist einer der Autoren der Alfons-Lernsoftware, die inzwischen auch in einer neuen Schulversion vorliegt.

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